Jakobsweg 2017 - ein kleiner Weg mit einem großen Ziel Santiago de Compostella

(ein Bericht von Wolfgang Post)

Aber ab wo beginnt der Jakobsweg? Am besten vor der Haustür! Ja, dann gehe ich doch von zu Hause in Herborn auch los...

Am Mittwoch, d. 26. April 2017 kam es zur Verabschiedung. Der Herborner Pfarrer Michael Niermann gab mir in der Krypta der Katholischen Petruskirche in Herborn den Pilgersegen mit Aussendung und mit guten Empfehlungen von Christel Waidmann und einem Häuflein Aufrechter begann ich den ersten Teil meiner langen Pilgerwanderung.

Zuvor hatte ich mir natürlich einen Pilgerpaß und viele Wanderführer besorgt und eine Wanderroute ausgesucht.

Als erste Etappe hatte ich von Herborn aus den Dillhöhenweg über Greifenstein - Dianaburg bis nach Wetzlar bestimmt. Unterwegs war es mehr als eine nette Geste das Wanderfreund Willi Gaul vom Westerwaldverein Aßlar in der Grillhütte Hackenberg bei Berghausen eine kulinarische Überraschung in Form von Cafe, Kuchen und spirituellen Getränken bereitstellte. Noch ein gemeinsames Abendessen in Wetzlar, die Wanderfreunde fuhren zurück nach Herborn und ich war ab sofort auf mich alleine gestellt.

Ab Wetzlar folgte ich dem Lahnhöhenweg und ab Koblenz dem Moselsteig bis nach Perl und Luxemburg. Gut in meinem Rucksack hatte ich Schlafsack und Isomatte verstaut. So manche Nacht schlummerte ich im Freien und merkte wie faul ich über den kalten Winter geworden war. Nun war ich an der frischen Luft und genoß die Sonnenuntergänge und die in Nebel gehüllten Sonnenaufgänge - sofern sie sichtbar waren - in diesen herrlichen Flußlandschaften. Ich fühlte mich frank und frei wie ehemals der Taugenichts aus dem Roman von Eichendorff "Aus dem Leben eines Taugenichts".

Den Lahnwanderweg hatte ich einige Jahre zuvor bewandert und ich lief durch bekannte Ortschaften. Der Moselsteig wurde 2016 zum schönsten deutschen Wanderweg gekürt und ich empfand es ebenso.

In Lothringen spürt man gleich die deutsche Vergangenheit. Die Mosel war hier ein lieblicher Fluß, von dem man gar nicht glauben konnte, das der Fluß sich in Deutschland so mühsam seinen Weg durch die Felsen gebahnt hat. Leider war das Leben recht teuer in Nordfrankreich und der Schlafsack leistete wertvolle Dienste.

Bei Übernachtungspreisen zwischen 55 - 100 € schlief ich fast jede 2. Nacht im Freien, wobei ich gerne mit Heu gefüllte Scheunen aufsuchte.

Besonders teuer war Burgund, wo zudem die Wegemarkierung schlecht war. Teilweise gab es keine Markierung, da sich die Gemeinden stritten, durch welchen Ort der Jakobsweg vorbeigeführt werden solle. Die Bevölkerung war sehr hilfsbereit und ich konnte überall meine Flasche mit Wasser füllen. Manchmal gab es sogar noch ein kulinarisches Zubrot. Anhand der Jakobsmuschel, die ich am Rucksack befestigt hatte, war ich stets als Jakobspilger zu erkennen.

Trinkbar war auch das Wasser auf französischen Friedhöfen. Ende Mai waren die ersten Kirschen reif, die ich gerne probierte. Sofern eine Bäckerei am Weg lag, holte ich mir ein Baquettebrot und zusätzlich ein Croussant, das ich mit einem Expresso genoß.

Ein unerwartetes aber zünftiges Mittagessen erhielt ich mit Günter aus Nürnberg auf der Bergspitze Montarcher (1 137 m). Da der Gasthof an diesem Tag geschlossen hatte, wies uns eine gute Frau die Steintreppen, die zur Kirche führten, als Sitzplatz an. Wir staunten nicht schlecht als sie uns dann ein "Vier-Gänge-Menue" mit Rotwein servierte. Als noch zwei weitere deutsche Pilger kamen, gab es zum Abschluß noch Cafe und Leckereien.

Da Günter an diesem Tage Geburtstag hatte, wollte er bezahlen, was aber die gute Frau nicht zuließ! "Merci beaucoup". Mit dem Ruf "ultreia" = immer weiter - marschierten wir gestärkt los. Ansonsten brauchte ich mich über mangelndes Glück nicht zu beschweren: zum Beispiel fand ich vor dem einsetzenden Gewitter mit starken Hagelschauer rechtzeitig eine leerstehende Scheune, wo im Inneren schon ein Heuhaufen zum Schlafen aufgeschichtet war. Nach Regen und Nebel ist es stets geheimnisvoll am Morgen durch die Landschaft zu streichen.

Begegnungen mit Wildtieren waren keine Seltenheit. so kreuzten meine Wege im Wald einige Schwarzwildrotten, die sich von mir nicht weiter stören ließen.

In Le Puy gab es ein Treffen für die Pilger und nach dem morgendlichen Pilgersegen zogen die Pilger auf der Via Podiensis dahin. Hatte ich mich bisher mehr schlecht als recht durch Frankreich geschlagen, so fand ich ab Le Puy vermehrt Pilgerherbergen vor. Die schönste und abwechslungsreichste Wanderstrecke führte von Le Puy bis nach Conques. Nur war es in diesem Sommer schrecklich heiß und das Wandern war eine Schinderei. In den Herbergen war Platz, da die Franzosen aufgrund der Hitzewelle die gebuchten Quartiere absagten.

In den kleinen Kapellen am Wegesrand hielt ich mich gerne auf um nachzudenken, dankte dem Herrgott mit seinem heiligen Jakobus für den schönen Wanderweg und kühlte mich ab.

In Lescar unterbrach ich die Wanderung um mit dem Bus nach Lourdes zu fahren und hier u.a. den sonntäglichen Gottesdienst nicht zu versäumen. Viele Gläubige waren hier versammelt und auch ich wurde nochmals im kalten Wasser rein gewaschen. Beeindruckend waren die abendlichen Lichterprozessionen.

Zwei Tage später setzte ich von Lescar aus meine Wanderung über die Pyrenäen fort.

Am 13. Juli 2017 erreichte ich den Somportpaß und war nun in Spanien "Viva Espana". Die Pilgerherbergen waren in Spanien wesentlich günstiger, dafür waren nun erheblich mehr Pilger unterwegs. Nun war ich in den heißen Sommermonaten unterwegs, blieb dafür aber trocken. Noch vor dem Somportpaß hatte ich den Polen Mirek aus Hirschberg in Niederschlesien getroffen. Die meiste Zeit sollte ich nun mit ihm bis Santiago zusammenbleiben.

Wie schon in Frankreich üblich erfolgte auch in Spanien die Begrüßung untereinander mit "Buen Camino", d.h. guter Weg!

Der bekannteste Gruß auf dem spanischen Jakobsweg heißt „buen camino“!, in Frankreich wünscht man sich „bonne route!“ – und was sagt man in der Schweiz: „Grüezi!“. Das ist die verkürzte Form von „Grüß Gott!“ oder auch „Ich grüße das Göttliche in dir!“

Aufgrund der Hitze konnte man nicht mehr richtig schlafen. In den überfüllten Schlafsälen der Pilgerherbergen gab es immer Geräusche. Die Koreaner standen um 4 Uhr morgens auf um mit GPS unterstützt auf den Weg zu gehen und damit die Hitze am Nachmittag zu meiden.

In Viana durften wir das Wochenende 2 Nächte in der Pilgerherberge bleiben. Und das war gut so, fand hier das Volksfest zur Heiligen Schutzpatronin Magdalena statt. Einheitlich kostümierte Menschen und für uns das Faszinierendste: Stierkampf in der Arena und Stierlaufen durch die Straßen. Ein einmaliges Spektakel. Überall gute Stimmung - die ganzen Nächte durch...

In den großen Kathedralen und Kirchen wurde Eintritt verlangt, dazu verspürten wir keine Lust. Zu den Pilgergottesdiensten waren die Kathedralen aber geöffnet. Die Kathedrale in Santo Domingo war aufgrund der dort lebend untergebrachten weißen Hühner aber so interessant, das wir den Eintritt bezahlten um mehr über diese Bewandtnis zu erfahren. Im Kloster San Juan de Ortega kehrten wir schon um die Mittagszeit ein, um an der Hochzeitsfeier eines italienischen Pilgerpaares teilzunehmen, das wir zuvor kennengelernt hatten. Ein besonderes Erlebnis war die Übernachtung bei den Templern (geistlicher Ritterorden mit weißem Gewand mit rotem Kreuz, der bereits im Mittelalter verboten wurde) in Manjarin, die die Tradition der alten Ritter fortführen wollen.

In der kahlen und überhitzten Hochlandschaft der Mesetas trieben wir Schabernack und fuhren aus Spaß Schubkarren miteinander.

Ab dem Ort Sarria machte das Wandern keinen Spaß mehr. Überhaupt waren die Wanderwege auf dem Französischen Weg in Spanien alles andere als Wanderwege; entlang von Schnellstraßen und zu viel Asphalt. Da sehnte ich mich nach Deutschland und Frankreich zurück. Für Pilger, die nur die kurze etwas über 100 km lange Strecke bis nach Santiago gehen wollen, beginnt hier die Messung mit den Pilgerstempel. Es war soviel Volk unterwegs das man von einer Massenwanderung sprechen konnte.

5 km vor Santiago liegt der Berg Gozo = Berg der Freude, wo wir in der polnischen Pilgerherberge blieben und unsere Klamotten auf Vordermann brachten. Den ersehnten Zielort Santiago de Compostela mit dem legendären Grab des Apostels Jakobus erreichte ich am 14. August 2017 rechtzeitig um 8 Uhr zum Deutschen Gottesdienst, den ein deutscher Pfarrer in einer kleinen Kapelle in der Kathedrale hielt. In Prozessionen zogen die Pilger und Besuchergruppen an die geweihten Stätten wie zu dem Silberschrein, wo die Gebeine des Apostels aufbewahrt sind. Im Herzen der Kathedrale war ich am Ziel: die Figur des Jakobus war zum Greifen nahe und wurde natürlich von mir umarmt, als Geste um all den Dank und die Freude nach dem Erreichen nach so langer Wanderschaft... Beeindruckend war die Heilige Messe zu Maria Himmelfahrt und dem Schwenken des schweren Weihrauchkessels durch mehrere Personen.

Das Schmuckstück der Kathedrale, die Hauptfassade, wurde gerade renoviert; trotzdem versammelten sich hier alle Pilger und Gläubige. Großer Andrang herrschte auch im Pilgerbüro um die begehrte Pilgerurkunde zu erhalten.

Das letzte Stück wollte ich unbedingt bis zum Atlantik laufen. Hier in Galicien hatte es mehr geregnet und die Landschaft gefiel mir besser, vielleicht lag es auch an den Eukalyptusbäumen. Es war schon ein starker Anblick nach fast 4 Monaten Wanderung plötzlich den blauen Atlantik vor mir zu sehen. Natürlich nahm ich in Muxia das lang ersehnte Bad im Meer. Muxia ist bekannt durch sein Marienheiligtum. Auf der Hügelkuppe der Landzunge suchte ich mir ein zünftiges Plätzchen, sah dem Sonnenuntergang über der Kirche im Atlantik zu, lauschte den Dudelsackspielern, genoß die mitgebrachte Flasche Rotwein und schlummerte vergnüglich ein.

"Heut' Nacht unter Sternen, träumten wir in die Fernen, träumten wir wären daheim."

Der Morgen überraschte mich mit einem fantastischen Sonnenaufgang über der Fjordküste. So was erlebt man nur in der freien Natur.

Entlang der Todesküste war es nur noch ein Tagesmarsch bis nach Fisterra und dem Landende "Kap Finisterre". Am 21. August erreichte ich nach insgesamt 3 244 Kilometern von Herborn aus den Kilometerstein "0" am Leuchtturm, wo ein Trubel ohne Ende herrschte. Für die Wanderstrecke hatte ich 111 Wandertage benötigt. Nun war ich der glücklichste Mensch der Welt - Danke Jakobus!

Natürlich wollte ich zum Abschluß der Gesamtstrecke auch an diesem geschichtsträchtigen Ort übernachten. Das Wetter verschlechterte sich, die Sonne versteckte sich hinter Wolkenfetzen und der Wind blies und ließ die Namensgebung zur Todesküste erahnen.

An diesem Abend hatte ich 2 Bier und 1Flasche Wein getrunken und da legte ich mich einfach irgend wo hin. In der Nacht muß es dann doch - wenn auch nur kurz - geregnet haben. Als ich am frühen Morgen wach wurde hatte ich nämlich kalte Füße. Was heißt kalte Füße, naß waren sie. Ein kurzer Regenschauer hatte das Fußende vom Schlafsack durchnäßt. Davon mitbekommen hatte ich aufgrund der flüssigen Schlafmittel nichts...

Nun führte mein Weg nicht mehr westwärts, sondern erstmalig wieder Richtung Heimat. Beim Zurückgehen nach Fisterra lief ich mich wieder warm, ließ den Schlafsack trocknen, badete im Meer und besserte mein Gewicht durch all die leckeren Fischvariationen wieder auf.

Die letzten Monate war ich gut vorangekommen und in der mir verbliebenen Woche gönnte ich mir das Vergnügen mit dem Bus nach Portugal zu fahren. Über Porto gelangte ich im Jubiläumsjahr zum Wallfahrtsort Fatima (1917 - 2017), von dem auch ein Jakobsweg nach Santiago führt.

Den Abschluß meiner Pilgerschaft bildete eine 30-Stunden-Knochenfahrt mit dem Bus von Lissabon zurück nach Frankfurt/Main.

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