Strenge Winter in vergangenen Zeiten

Aus der Region Rheinischer Westerwald, von Werner Schönhofen, Leutesdorf

Das Jahr 1892 verabschiedete sich recht unwirtlich. Das neue Jahr (1893) begann in ganz Europa mit einem strengen Winter. In der Rhein-Wied-Zeitung, die in Neuwied erschien, können wir dazu lesen: "Kälte und Schneetreiben haben fast in ganz Europa Verkehrsstörungen herbeigeführt. In Triest sind in Folge des Schneesturmes an die 50 Personen schwer verletzt. Viele erlitten Arm- und Beinbrüche. Die gefallenen Schneemassen sind geradezu ungeheuer, an manchen Stellen zwei Meter hoch. Die Züge aus Wien und Italien sind ausgeblieben. Das Unwetter hat in der Umgebung am stärksten gehaust… Aus ganz Europa werden Schiffshavarien gemeldet. Auch Nordeuropa versinkt in einem Schneechaos. Der Rhein und seine Nebenflüsse sind zugefroren. Pioniere versuchen eine Schifffahrtsrinne frei zu sprengen. Auf der Strecke Köln-Mannheim liegt eine große Anzahl Schiffe fest, wobei die Liegeplätze in den bestehenden Schutzhäfen nicht reichen. Am 5. Januar wird ein Weg über den Main bei Höchst mit Asche abgestreut; was auch andernorts geschieht. Mitte Januar verschlimmerte sich anscheinend die Situation: "Die Kälte hat sich in der Nacht enorm gesteigert. Das Thermometer fiel in ungeschützten Lagen auf 31 Grad Celsius (unter Null!)", wird am 16. aus Stuttgart gemeldet. "In ganz Frankreich herrschen starke Schneestürme... In Dänemark, Schweden und Norwegen herrscht heftige Kälte, und die Schifffahrt im Sund wird durch Eismassen behindert...

Wie waren die Winter an Rhein, Sieg und Lahn? Im Jahre 1805 gab es am 9. Oktober viel Schnee. Viel Frucht war Allerheiligen noch draußen. Hafer, Erbsen, Wicken und Kartoffeln. Im Jahre 1823 kam der Eisbruch nach einem 48 Tage dauernden Frost. Der Winter von 1828/29 gehörte zu den kältesten des Jahrhunderts. Er dauerte 80 Tage mit strengem Frost und Eisgang am 10. und 11. Februar mit einer furchtbaren Eismasse. - Im Winter 1841/42 war die Schifffahrt auf dem Rhein 97 Tage unterbrochen. - Der Winter 1844/45 begann am 1. November und dauerte bis Anfang April. Die Hochflut nach dem Eisgang begann Ende März und dauerte bis in den April hinein; Hochflut bedeutete Hochwasser für die Rheinanlieger, besonders Neuwied. - Im Jahre 1850 fielen gewaltige Schneemassen. Als sie bei Tauwetter abschmolzen und zugleich bei Bingen die Eismassen sich lösten, brachen schwere Tage für die Rheinorte an. Durch starken Frost zeichneten sich die Winterjahre 1845/46, 1870/71, 1879/80, 1890/91, 1892/93. Im Jahr 1860/61 gab es gewaltige Schneemassen. Von den vorgenannten Jahren brachte besonders das Jahr 1879/80 ungewöhnliche und langandauernde Kälte bei der die meisten Seen in Mitteleuropa zufroren und viele Menschen erfroren. - In den Jahren 1887/88, 1890/91 gab es Schneestürme, große Kälte, zugefrorene Flüsse und Seen. - 1890 war der Laacher See zugefroren. Der Winter 1893 Eisschollen stauen im Januar den ohnehin geringen Wasserstand des Rheines; er beträgt in Linz am 18. Januar nur einen halben Meter und ist in Koblenz mit etwa. 0,78 Meter der bisher niedrigste des Jahr - hunderts. In Emmerich kann der Rhein überschritten werden, aber nur gegen einen entsprechenden Obolus an den Fährmann, der sonst einen Verdienstausfall hat und jetzt einen Weg gestreut hat. - Mitte Januar wird aus dem Wiedtal eine Temperatur von 26 °C unter Null gemeldet. Kirschbäume sind geborsten, Hasen und Rebhühner kommen in die Gärten, natürlich ist auch die Wied zugefroren. - Aus Kelberg in der Eifel wird am 17. gemeldet, dass die Mühlen trocken stehen, nicht mahlen können, weil die Bäche dick gefroren sind. Bei Grau-Rheindorf, Bonn gegenüber, ist eine Ente im Eis festgefroren. Zwischen Mainz und Kastel besteht ein lebhafter Verkehr übers Eis. In Kastel holt sich die Jugend ein besonderes Gebäck, die „Buweschänkel“; die Kasteler Bäcker haben vollauf mit der Herstellung dieser Brezelart zu tun. All überall in Deutschland sind Kältetote zu beklagen. - Am 21. wird aus Engers ge - meldet, dass die Bahn nach Grenzau ihren Verkehr einstellen muss wegen zahlreicher Schienenbrüche, bedingt durch die Kälte. - Bei Nievern an der Lahn sind mehrere erfrorene Hasen gefunden worden. - In Linz hat man eine Bude mit warmen Getränken auf dem Rhein aufgebaut; sicher ist hier ein lebhafter Verkehr übers Eis. Aus Linz wird auch am 21. gemeldet, dass der Rhein einen Meter tief gefroren ist. Auch in Remagen kann man übers Eis nach Erpel gehen; zwei Züge aus Bonn verkehren bis Remagen mit 28! zusätzlichen Wagen. - In Andernach spenden die Mälzereien zehn Zentner Abfallgerste für die Vogelfütterung. - Der Laacher See ist zugefroren und in Bacharach ist das Eis 2,50 bis 3,75 Meter dick; Sprengungen durch die Pioniere werden vorbereitet. Überall bleiben Züge in Schneeverwehungen stecken. Am 21. erscheint der Kölner Dom in Raureif - ein Zuckerbäckermonument! Ende des Monats Januar wird der harte Winter abgelöst durch einsetzenden Regen und Tauwetter. Jetzt gibt es natürlich Hochwasser, das aber bald wieder durch einen Wintereinbruch im Februar abgelöst wird. Auch im Februar 1929 kam es zwischen Bingen und der Loreley sowie bei Unkel zur Bildung von Eis. Die ältere Generation kann sich vielleicht noch an den strengen Nachkriegswinter 1946 auf 1947 erinnern, deshalb sei hier ausführlicher aus der Schulchronik zitiert. Nicht genug, dass die Menschen durch den verlorenen Krieg, die Wohnungsnot, den Nahrungs- und Brennstoffmangel, die fehlende Kleidung und den schlechten Ernährungszustand zu leiden hatten, kam auch noch ein strenger Winter zu dieser allgemeinen Notlage hinzu. Der Chronist schreibt dazu: „Mit dem 15.12.46 setzte eine Kälte ein, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr nachzuweisen war. Es wurden bis zu 28 Grad (Celsius) unter dem Gefrierpunkt gemessen. Diese Kälte hielt bis heute (27.2.47) an, wenn auch in der letzten Zeit die Kältegrade zwischen 5 - 15 Grad schwankten. Die Flüsse, selbst der Rhein, waren kilometerweit in Eis erstarrt. Durch das plötzliche Steigen der Flüsse brach das Eis, und Eisschollen von 60 cm Dicke und einer Größe von 25 qm trieben rheinabwärts. Die von den Amerikanern erbaute Rheinbrücke (Anm.: Notbrücke, zu deren Bau das unversehrt gebliebene Deichcafé, die Deichkrone, abgerissen wurde) konnte dem Druck nicht standhalten und brach zusammen. Da es überall an Hausbrand mangelt, leiden die Menschen unter der Kälte entsetzlich. Aus allen größeren Städten werden Todesfälle durch Erfrieren gemeldet.. Auch in den Schulen fehlt es an dem nötigen Heizmaterial. Aus diesem Grunde fand seit dem 19.12.46 - 27.2.47 kein geregelter Unterricht satt.

 

 

Unsere Partner